Mein unperfektes Leben zwischen Würm und Barbie-Villa

Nicht Fisch, nicht Fleisch

Warum Vorstadt? Geh hör mir auf mit Vorstadt. Was bitte soll an einem Ort im Münchner Speckgürtel spannend sein, dass er sich gleich als Titel vulgo Inspiration für einen Blog aufmandelt?

Schon in den 1980er Jahren, als ich in der hellblauen Ente meiner Mutter die Gautinger Bahnhofstraße hochknatterte, habe ich meine Ablehnung der Vorstadt als Lebensform deutlich gemacht: „Wie kann man hier nur wohnen?“, brüllte ich. Und die Mädels vom Rücksitz aus der 2. Volleyball-Mannschaft des SV Uffing, wie ich windgesotten, heuschnupfenimmun und mit derben Knien versehen – brüllten zurück, wie Recht ich doch hätte, hier kann keiner wohnen!

Stellten wir Uffing (Fisch) gegen Gauting (nicht Fisch, nicht Fleisch), schlugen wir den Gegner ganz klar. Im Volleyball war es eher andersrum. In Sachen Bewohnerorientierung war Uffing trotzdem doppelt überlegen – räumlich und psychologisch:

Gauting: kein Ortszentrum, Betonscheußlichkeiten und mehr Verkehr, als einer 19-jährigen Fahranfängerin zuträglich ist. Dafür eine S-Bahn. Über S-Bahnen wusste ich nichts, vermutete aber, dass darin nur Halbstarke hin und her, um darin Zigaretten zu rauchen. Vorstadt-Halbstarke.

Uffing: Staffelsee und Alpenvorland sowieso unschlagbar, dazu Dorfkirche, Alpenblick, 2 Wirtshäuser im Dorfkern, ein weiteres am See. Bahnhof mit echten Zügen, dorfgemäß etwas außerhalb gelegen. Metzger, Bäcker, Kramerladen, Molkerei. Und trotz der Übermacht von Baywa und CSU gab es einen Demeter-Landwirt.

Uffinger Moos #2

Apropos Dorfkirche. Über die zehn Meter hohe Mauer um den Kirchfriedhof ist mir mal einer unserer Hunde gesprungen. Ist mir wie ein schwarzer Riesenstein vor die Füße geplumpst.  Der Hund hat kurz gewinselt und ist dann weitergesaust. War dies nicht ein eindeutiges Zeichen? Auf dem Dorf überlebt man solche Stürze, weil es auf dem Dorf nämlich lebenswert ist.

Kommen wir noch schnell zum zweiten Duell: Stadt (Fleisch) gegen Vorstadt.

Gauting: Immer noch kein ansehliches Ortszentrum, dafür belebt durch reichlich Verkehr. Kein einziges Café, das diese Bezeichnung verdient.

München: Au, Haidhausen, MK, MKO, Bars, Cafés… ach, die Tipperei ist mir echt zu anstrengend. Aber niemand wird bezweifeln, dass Gauting auch hier den Kürzeren zieht.

Und heute wohne ich wo? Genau. Und habe so weder das von dünnen Fettadern der Subkultur durchzogene Fleisch der LH München noch die Idylle des Landes.

Ich wohne übrigens etwas außerhalb von G., in Königswiesen. Als Kind habe ich auch nicht im Dorf gewohnt, sondern außerhalb, in einer superidyllischen Naturidylle. Schlägt Königswiesen um Längen.

Erstaunlich, wie das Leben so spielt.

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